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Leseprobe Das Erwachen Der Meere
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Gain

1. Die Nachricht

480 Winter n.T.

garlenische Zeit

Die gyrmische See



Sie hatten gesagt, er solle den Brief mit seinem Leben schützen, aber er war kurz davor, beides zu verlieren. Mit einer Hand presste er die feste Lederrolle an die Brust, mit der anderen ruderte er verzweifelt durch das kalte Wasser. Eine Welle hob ihn hoch, schlug gischtschlagend über ihm zusammen und tauchte seinen Kopf unter das eisige Wasser. Strampelnd kämpfte er sich nach oben, erreichte die Wasseroberfläche mit brennenden Lungen und stieß mit dem Kopf hindurch. Keuchend rang er nach Luft.

Die Lederrolle war noch da. Die Fürsten waren so klug gewesen, die Rolle wasserdicht mit Wachs zu versiegeln, als hätten sie geahnt, dass er unvorsichtig werden würde.

"Gain von den Mannalen, wir vertrauen dir nicht nur unser Leben an, sondern das aller sechzehn Fürstentümer", hatten sie gesagt. "Was du trägst, ist mehr wert als dein Leben, also schwöre bei den Göttern, dass du diese Rolle mit eben diesem schützt."

Gain hatte es geschworen. Wenn er die Rolle verlor, musste er ertrinken. Er durfte nicht ohne sie überleben, die Schande wäre zu groß. Gain versuchte sich umzublicken, aber ein Schwall Salzwasser erwischte ihn im Gesicht. Er verschluckte sich, das salzige Nass stieg ihm in die Nase. Mit verzweifelter Anstrengung hielt er seinen Kopf über Wasser und drehte den Kopf. Sein Blick glitt über die schwarzen Wellen, und dann sah er sie. Die "Adagio", ein großer Dreimaster, wankte wie eine Nussschale auf den Wellen, aber noch konnte er sie wieder erreichen. Die Segel waren eingeholt, in einem flammenden Blitz sah Gain die Masten, die im Sturm zerbrechlich wie dünne Äste in den Himmel ragten.

Gain schob die harte Lederrolle in seinen Ärmel, zog die klamme Schnürung am Handgelenk so fest, dass es schmerzte und nahm seine Zähne zur Hilfe, um den Knoten straff zu ziehen. Dann schwamm er um sein Leben und um seine Botenehre. Er tauchte durch die Wellen, das Wasser zerrte an seinen Kleidern, als wolle es ihn von der "Adagio" wegzerren, aber Gain kämpfte, wie er noch nie zuvor gekämpft hatte. Wäre es nur um sein Leben gegangen, hätte er vielleicht aufgegeben. Aber die schwere Rolle in seinem Ärmel erinnerte ihn daran, dass es um mehr ging als nur sein eigenes Leben.

Für einen Moment verlor er den Sichtkontakt zum Schiff. Panisch tauchte er auf, tauchte wieder unter, bis er voller Erleichterung die hölzernen Planken plötzlich dicht zu seiner Rechten sah und sie ächzen und stöhnen hören konnte. Die Rufe der Matrosen hallten zu ihm herunter. Gain winkte, er schrie gegen den heulenden Wind und die peitschende See an und endlich beugte sich eine Gestalt über die Reling und deutete zu ihm herunter.

Eine Welle erfasste Gain und schmetterte ihn gegen den Schiffsrumpf. Ein scharfer Schmerz durchschoss seinen Kopf, seinen Nacken, für einen Moment wurde ihm schwindelig, aber dann sah er das Tau mit einem hölzernen Ring daran, der vor ihm ins Wasser klatschte. Er streckte die Hand aus. Der Ring entwischte ihm um Haaresbreite, Gain brauchte noch zwei Versuche, bevor er das glatte Holz erfasst hatte. Mit aller ihm verbleibenden Kraft streifte er sich den Ring über Kopf und Arme. Kaum hatte er das feste Holz unter den Achseln eingeklemmt, spürte er einen Ruck und das Tau begann sich zu heben. Gains Körper wurde der stürmenden See entrissen, wütend zischte die Gischt unter ihm. Der kalte Wind zerrte an seinen nassen Kleidern. Die Planken des Schiffes glitten an ihm vorbei, bis kräftige Hände ihn packten und äußerst unsanft über die Reling zogen. Kaum hatte Gain sich aufgerichtet, schlug ihn jemand so hart ins Gesicht, dass er beinahe wieder das Gleichgewicht verloren hätte. Der Knall ließ es in seinen Ohren summen, aber der Schmerz machte ihm kaum etwas aus. Er war gerettet. Er - und die Schriftrolle. Gain drehte den Kopf, um zu sehen, wem er seine Rettung zu verdanken hatte.

Der erste Maat starrte ihn aus blutunterlaufenen Augen an, die hängenden Wangen, die Gain immer an einen alten Hund erinnerten, glänzten nass unter den Bartstoppeln.

"Was hatte ich dir befohlen?", schrie er Gain durch den Sturm hinweg an.

Zwei Matrosen rollten das nasse Tau auf und warfen es über eine hölzerne Klampe.

"Unten bleiben", murmelte Gain.

"Aber der Fürstensohn ist wohl zu edel, um Befehle eines einfachen Maats entgegenzunehmen?"

Der erste Maat holte aus und traf Gains zweite Wange. Wären sie nicht auf offener See, sondern an Land gewesen, hätte er es niemals gewagt, Hand an jemanden wie Gain zu legen. Aber der Sturm peitschte sie alle auf, seit drei Tagen hatte niemand mehr richtig geschlafen, die Matrosen taumelten an Deck von einem losen Tau zum nächsten, an den Pumpen im Schiffsrumpf ächzten die Männer ohne Unterlass, und doch schwappte das Wasser bis dicht unter den Laderaum.

Gain entschied, dass es besser war, nichts zu sagen. Der erste Maat kannte nicht nur das Schiff wie seine Westentasche, er war auch mit seinen sechsunddreißig Wintern doppelt so alt wie Gain, und er hatte sein Leben fast ganz auf See verbracht. Im Gegensatz zu Gain, der vor acht Wochen zum ersten Mal den Fuß auf ein Schiff gesetzt hatte. Falls er richtig gerechnet hatte, das Konzept der Woche war ihm immer noch ein wenig fremd. Gain duckte sich unter dem erhobenen Arm des ersten Maats hindurch und schlitterte auf den nassen Planken, als das Schiff sich einer neuen Welle entgegenstemmte. Schwankend tastete Gain sich an der Reling entlang, die Gischt sprühte in sein Gesicht, das Schlingern des Schiffes unter ihm ließ ihm übel werden, obwohl er seine Seekrankheit eigentlich längst hinter sich hatte.

Hätten sich die Fürsten nicht anderswo als auf dieser Insel treffen können? Hätten sie ihren Thing auf dem Festland abgehalten, wäre die Rolle längst sicher bei den Dherask, die sie weiter ins Landesinnere bringen würden. Und die Fürsten hätten sich vermutlich schon am ersten Tag des Things gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, vermutete Gain, wenn auch nur einer von ihnen sich auf Heimatboden gewähnt hätte.

Eine hohe Welle brach sich an der Reling. Gain klammerte sich mit beiden Armen fest, wartete, bis das Wasser über ihn hinweg gedonnert war und über die dunklen Planken wieder zurück ins Meer strömte. Dann wankte er weiter. Zwischen den Tauen und Seilen tauchte glänzend nass der eiserne Griff der Luke auf, die in den Bauch des Schiffes hinunter führte. Gain griff danach und zog die schwere Lukentür auf. Ein Schwall Wasser folgte ihm auf die Leiter, bevor er die Luke wieder schließen konnte. Mit einem beruhigenden Schlag fiel sie über ihm zu und sperrte Wind und See aus.

Plötzlich drangen die Geräusche nur noch dumpf zu Gain herunter. Das Rufen der Matrosen oben an Deck wirkte merkwürdig fern. Gain sprang von der letzten Sprosse der Leiter und griff nach der Laterne, die er beim Hinaufsteigen an einen Haken gehängt hatte. Das Schiff neigte sich ächzend zur Seite und Gain fiel gegen die hölzerne Wand des schmalen Ganges. Beinahe liegend hielt er die Luft an, wartete darauf, dass das Schiff sich wieder aufrichten würde. Die Zeit schien stillzustehen, der Moment kam Gain wie eine Ewigkeit vor, bevor sich das Schiff endlich wieder in die andere Richtung bewegte und er wieder auf seinen Füßen stand. Stampfend und dröhnend bahnte sich die "Adagio" weiter ihren Weg durch das Wellenmeer. Gain tastete sich vorwärts. Es fiel ihm schwer, in dem ständigen Auf und Ab das Gleichgewicht zu halten.

Durch die Tür zu seiner Kajüte fiel er mehr, als dass er ging. Gain musste den Knoten an seinem Handgelenk mit seinem Messer aufschneiden, bevor er die Rolle aus dem Ärmel ziehen konnte. Er betrachtete sie nachdenklich. Das Licht der Lampe fiel flackernd auf die eingebrannten Muster darauf. Nicht einen Moment hatte er daran gezweifelt, dass er der Richtige für diese Aufgabe war, als seine Mutter ihn als einzigen Fürstensohn mit auf dieses Thing nahm, damit er Nachrichten auf das Festland bringen konnte, bevor die Versammlung beendet war. Er war schnell, er bewegte sich sicher. Seine Nachrichten kamen immer am Ziel an, seit er mit zwölf Wintern angefangen hatte, Botendienste unter den Fürstenländern zu verrichten. Aber es waren immer seine Beine oder die seines Pferdes, die ihn vorwärts getragen hatten. Ein Schiff war unbekanntes Terrain für ihn, und ausgerechnet auf dem Festland, wo er wieder zum geflügelten Boten hätte werden können, würde seine Reise zu Ende sein. Warum nicht er, sondern die Dherask die Nachricht weiter ins Landesinnere bringen würden, wusste er nicht. Ein versiegelter Brief an die Kinder des amtierenden Fürsten der Dherask, den Gain nun nachdenklich aus seinem Beutel zog, würde es ihm vermutlich verraten. Gain betrachtete das Siegel einen Moment, bevor er den Brief wieder tief in seinem Beutel verstaute. Er würde niemals ein ihm anvertrautes Siegel brechen, um eine Information zu lesen, die nicht für ihn bestimmt war.

Gain hängte die Laterne an einen Haken neben der Tür. Mit den Geräuschen der stampfenden See im Ohr durchwühlte er seinen Beutel auf der Suche nach trockenen Kleidern. Er fand ein Hemd, eine Hose und eine ärmellose Tunika. Er legte die Schriftrolle in seiner Koje ab und zog sich das nasse Hemd über den Kopf.

Seit drei Tagen war er unten im Schiff eingesperrt gewesen, seit drei Tagen hatte er keine frische Luft mehr eingeatmet. Gain hatte es nicht mehr ausgehalten. Die Rolle hatte er mitgenommen, weil er nie ohne sie irgendwohin ging, und das wäre fast sein Verhängnis geworden. Als er den Kopf aus der Luke gestreckt hatte, um nur für einen kurzen Moment die frische Luft einzuatmen, war sie ihm aus der Hand gerollt. Gain hatte gar nicht nachgedacht. Er hatte die Luke aufgestoßen, war auf das Deck geklettert, hatte die Rolle erwischt und alles, was er von dem nächsten Moment noch wusste, war, dass eine gewaltige Wassermasse über ihn hereingebrochen war und ihn von Bord gespült hatte.

Erst jetzt, hier unten in den scheinbar sicheren Wänden des Schiffes, wurde ihm klar, wie nah er dem Tod gewesen war. Mit zitternden Händen steckte er die Rolle in den Bund seiner Hose und ließ das Hemd darüber fallen, bevor er sich einen Moment lang erlaubte, die bedrohliche Situation im Wasser vor seinen Augen vorbeiziehen zu lassen und Platz für die Erleichterung zu schaffen, dass er ihr entronnen war.

Dann hängte er das nasse Hemd über die Kante des winzigen Tisches neben seiner Koje, wo es hin und her schaukelte. Sein Vater zog ihn gerne damit auf, dass er sich wie ein Bettler kleidete, wenn er seine Botengänge verrichtete, aber Gain störte weder der grobe Stoff noch der abgewetzte Ärmelsaum. Es hielt Bettler und Diebe fern, und außerdem machte es ihm das Reisen leichter, denn die Matrosen akzeptierten ihn so als ihnen ebenbürtig. Würde er mit den fein bestickten Hemden unter ihnen auftauchen, würden sie ihn meiden, und Gain verspürte auf einmal das dringende Bedürfnis nach Gesellschaft, egal welcher. Er wollte der einsamen Enge seiner Kajüte entfliehen, er fürchtete, in der Einsamkeit würde die Angst ihn packen wie eine unsichtbare Faust, denn der Sturm war lange nicht vorüber und die "Adagio" nichts weiter als ein unsicherer Hafen, der jederzeit zur Todesfalle werden konnte.

Gain nahm die Laterne vom Haken und machte sich auf die Suche nach Gesellschaft. Er erreichte die Matrosenkajüte am Ende des Ganges und trat ein.

Es war ein dunkler Raum, Hängematten hingen dicht an dicht von den Balken herunter, es roch muffig nach ungewaschenen Körpern. In einigen der Hängematten versuchten Matrosen, der wütenden See zum Trotz, Schlaf zu finden. Gain neidete ihnen das Schaukeln der Hängematten. In seiner Koje musste er sich anbinden, um nicht aus dem Bett zu rollen.

"Na, Söhnchen?", sagte eine raue Stimme aus einer dunklen Ecke. "Hast du dich verlaufen?"

Gain tastete sich zu der Ecke vor und fand Matida, eine zahnlose Matrosin mit wettergegerbten Gesicht, die vermutlich schon länger zur See fuhr als der erste Maat. Es war schwer zu schätzen, wie alt sie war. Sie hatte ihre Zähne an Skorbut verloren, aber die tiefen Falten in ihrem Gesicht waren wohl eher Wind und Wetter als ihrem Alter zuzuschreiben. Ein schmuddeliges Kopftuch bedeckte ihre Haare. Gain hängte die Lampe an einen Haken über ihren Köpfen.

"Was hast du da?" Er deutete auf eine Kette mit geschnitzten Figuren, die Matida durch ihre Finger gleiten ließ und ließ sich neben ihr an der Schiffswand nieder. Hinter sich konnte er die See durch die Planken spüren, wie ein Tier, dessen Kraft ihm im Nacken saß.

Matida beugte sich so weit zu ihm herüber, dass Gain ihren übel riechenden Atem auf der Haut spürte.

"Glaubst du an die Götter, Söhnchen?", fragte sie.

"Sicher", sagte Gain. Wer glaubte nicht an die Götter?

"Und, Söhnchen? Welcher gehört dir? Welcher ist der Gott der vielgerühmten Mannalen aus den fernen Bergen?"

"Gurier", sagte Gain mit einigem Widerwillen.

Matida lachte lauthals auf.

"Und?", fragte sie, "bist du ein Krieger, wie dein Gott?"

Gain spürte, wie ihm heiß wurde. Die Lampe am Haken über ihn schwang hin und her und ließ die Schatten der Hängematten über die Wände wandern.

"Ich denke nicht", sagte er wahrheitsgemäß. "Die Götter haben sich wohl einen Spaß erlaubt, als sie meine Seele zu den Mannalen schickten, um dort auf die Welt zu kommen. Meine Mutter sagt gerne, an mir wäre ein Zedaster verloren gegangen."

Aber Matida legte plötzlich eine faltige Hand auf seine linke Brust.

"Ein Krieger", sagte sie, "wohnt im Herz, nicht in den Schultern."

Dann lachte sie wieder, als habe sie einen Scherz gemacht und ließ weiter die geschnitzten Figuren der Kette durch ihre knotigen Hände gleiten, während sie leise vor sich hin murmelte.

"Was haben die Götter mit deiner Kette zu tun?", fragte Gain.

In Matidas Augen blitzte Schalk auf. Für einen ganz kurzen Moment konnte Gain einen Blick auf die junge Matida erhaschen, bevor der Skorbut ihre Zähne gestohlen und der Wind ihre Haut gegerbt hatte.

"Kannst du ein Geheimnis bewahren?", fragte sie.

Gain dachte an die vielen ungebrochenen Siegel aus Wachs und die mündlichen Botschaften, die dem nicht minder festen Siegel der Ehre unterlagen. "Sagen wir", grinste er und lehnte sich an die schwankende Holzwand, "ich bin so etwas wie ein Meister der Geheimniswahrerei."

"Die See", sagte Matida gedankenverloren, "hat ihre eigenen Kräfte, lange vergessen, lange verbannt, die Nichessa, die Kerikenkraken, die leuchtenden Hantare."

Sie hielt die Kette in die Höhe und Gain konnte die fein geschnitzten Figuren erkennen. Sie war filigran gearbeitet und musste ein Vermögen gekostet haben, das sich ein Seefahrer niemals leisten konnte. Er erkannte eine Frau mit Fischschwanz, einen koboldartigen Unhold, eine Schlange mit zwei Körpern, die am Schwanz zusammenwuchsen und einen Raben, auf dessen Rücken ein Mann ritt.

Gain wurde kalt.

Matida betrachtete ihn interessiert, als studiere sie seine Reaktion.

"Du betest nicht zu den Göttern. Du betest zu den Magischen", sagte Gain tonlos.

"Die Götter haben uns verlassen. Aber je mehr von uns zu den Magischen beten", wisperte Matida, "desto eher werden sie zu uns zurückkehren."

"Reicht es nicht, dass unsere Ahnen sich mit ihnen herumschlagen mussten? Die letzte Welle der Magischen ist hundertvierzig Jahre her." Wie ein unsichtbarer Windhauch richtete die Angst die feinen Härchen in Gains Nacken auf.

"Aber die Frage ist", wisperte Matida, "wo waren sie vor siebzig Jahren? Warum sind sie nicht gekommen, wie sonst jedes siebzigste Jahr?"

"Weil die Wellen endlich vorbei sind", wiederholte Gain, was jeder Garlenier, der nicht verrückt war, wie Matida, sich immer wieder vorsagte. "Sie kommen nicht mehr wieder. Wir haben sie endlich endgültig besiegt."

Matida lachte leise. "Wir sollten beten, dass sie wiederkommen", sagte sie.

"Warum?" Gains Hände wurden kalt, Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn, aber er wollte wissen, wie irgendjemand auf die Idee kommen konnte, die Rückkehr der Magischen sei etwas Wünschenswertes.

"Sie sind so alt wie das Land", sagte Matida, "sie wollen es schützen und sie werden uns helfen, es zu schützen. Sie werden einen neuen Krieg verhindern und die Verlorenen zurückholen."

Gain schnaubte, halb erleichtert, halb belustigt. Das einfache Volk hatte nur eine vage Vorstellung der Politik an der Grenze der Fürstentümer zum Königreich im Süden, und der "Kontrakt der verlorenen Kinder", wie sie das Friedensabkommen mit dem Süden bezeichneten, war für sie eine Schande, keine ehrbare Leistung nach neun Jahren Krieg, der sich vom Süden des Landes bis zu seiner Mitte hinauf gezogen hatte und fast die Fürstentümer im Norden an der See erreicht hätte.

"Matida, das ist Unsinn, es gibt keinen Krieg mehr im Süden, und die Verlorenen, wie du sie nennst, sind freiwillig in den Süden an den Hof der Königin der Ronverjaren gegangen, um den Frieden zu besiegeln."

Matida schnaubte. "Frag deinen Bruder", sagte sie, "ob er das auch so sieht."

Gain schüttelte den Kopf. "Ich habe keinen Bruder", sagte er.

Matida lachte gehässig. "Sicher nicht", sagte sie.

Gain fragte sich, ob er nicht doch lieber in seiner Kajüte hätte bleiben sollen. Dieses Gespräch nahm eine Richtung, der er in seinem übernächtigten und knapp dem Tod entronnenen Zustand alles andere als gewachsen war.

Ganz plötzlich ließ Matida die Kette in den Falten ihrer schmutzigen Kleidung verschwinden und lächelte zahnlos nach oben. Gain drehte den Kopf. Unbemerkt hatte sich eine der Leichtmatrosinnen angeschlichen. Gain brauchte einen Moment, um sich zu erinnern, dass ihr Name Ann war. Ihre Haare waren durchnässt und ihr rundes Gesicht bleich, nur die Wangen leuchteten rot wie im Fieber. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Sie war fast noch ein Kind, etwas jünger als Gain zu den Zeiten, in denen er mit seinen Botengängen angefangen hatte. Gain schätzte sie auf etwa elf Winter. Ann warf einen misstrauischen Blick zu Matida, die nun so unschuldig aussah, als könne sie kein Wässerchen trüben.

"Acht Glasen", sagte Ann nur knapp und wankte, weil das Schiff von einer weiteren Welle in die Höhe gehoben wurde und sich dann zur Seite neigte. Gain wurde gegen die Holzwand gedrückt. Er schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet zu Segura, der Göttin des Schutzes und der Milde. Matida erhob sich, um zurück an Deck zu gehen und sich der stürmischen See zu stellen. Die Leichtmatrosin hielt sich an einer der Hängematten fest, kletterte mit einigen Schwierigkeiten hinein und rollte sich zusammen wie ein Baby.

Gain wusste, sie war zu müde, um noch Furcht zu empfinden, aber vor zwei Tagen hatte sie ihm gestanden, dass sie den Entschluss, zur See zu fahren, bitter bereute. Sie hätte sich lieber eine Arbeit auf dem Land suchen sollen. Dass das Segeln zum größten Teil aus Langeweile und harter Arbeit bestand und die See ihre eigene Art hatte, unerwünschte Besucher wieder loszuwerden, war ihr wohl nicht klar gewesen.

Nachdem Matida gegangen war, saß Gain eine ganze Weile an die Wand gelehnt da. Er musste sich an einem herabhängenden Stück Seil festhalten, damit das Schlingern des Schiffes ihn nicht durch den Raum katapultierte.

Er fühlte sich unendlich müde. Sie hatten zuerst einen guten Kurs gehabt, die Kapitänin war sicher gewesen, dass ihre Fahrt nicht länger als zwei Tage dauern würde. Aber der Sturm hatte sie weggeweht wie eine Feder und nur die Götter wussten, in welche Gefilde sie abgetrieben waren. Die Umrisse der Hängematten verschwammen vor Gains Augen. Undeutlich nahm er wahr, wie die letzte Schicht in den Raum gestolpert kam, müde, hungrig und schlecht gelaunt raunzten die Matrosen sich gegenseitig an, bevor sich jeder einen Platz gesucht hatte, wo er die nächsten acht Glasen seine Ruhe hatte. Ruhe vor der See, vor dem Wind, den barschen Befehlen. Wie Ann waren sie alle viel zu erschöpft, um noch Angst zu empfinden, aber der Sturm zerrte trotzdem an ihren Nerven.

Anfangs hatte Gain sich gefürchtet. Als die erste Sturmwelle das Schiff hochgehoben und dann in ein Tal geschleudert hatte, hatte er sich beinahe in die Hosen gemacht. Er hatte zu allen Göttern gebetet, an deren Namen er sich erinnerte, sogar an die Nebengötter und die Halbgötter, einfach jeden. Nur den Gedanken an Oceanne, die Göttin der See, hatte er tunlichst vermieden. Wer sie anrief oder nur an sie dachte, während sein Schiff sich im Sturm befand, den holte sie zu sich in die Untiefen des salzigen Grunds.

Aber jetzt war jede Nervosität von ihm gewichen. Mit jeder Welle, die auf das Deck schlug, jedem Schlingern der "Adagio", wurde ihm sein Schicksal gleichgültiger. Nur um das Schriftstück tat es ihm leid. Wenn der Sturm die "Adagio" auf den Grund des Meeres sinken ließ, wäre dies die erste Nachricht, die zu überbringen er versagen würde. Und er wusste genau, wie unbarmherzig die Erinnerung der Stämme war. Jede durchrittene Nacht, jedes Überqueren eines reißenden Flusses seinerseits würde vergessen werden. Erinnern würden sich die Stämme an ihn nur noch als den Fürstensohn, der Unheil gebracht hatte. Gain, der Untergegangene.

Gain döste in einem halbwachen Zustand vor sich hin und nahm die Veränderung deshalb erst wahr, lange nachdem sein Körper sie längst gespürt hatte. Die Wellen wurden sanfter. Das Auf- und Abwogen des Bugs weniger dramatisch. Ohne es bewusst zu merken, löste er seinen Griff von dem Tau und die nächste Welle schleuderte ihn nicht gegen die Wand. Er blieb, wo er war. Sein Oberkörper sackte erschöpft in sich zusammen. Sein Kopf landete auf einem schmutzigen Bündel alter Lappen. Bevor er noch einen klaren Gedanken fassen konnte, war er eingeschlafen.

 

 

Gain erwachte von einem unsanften Tritt gegen seine Schulter.

"Weckt ihr den endlich?", knurrte eine unleidliche Stimme, "Wissen die Götter, wie oft ich heut' schon über den gestolpert bin."

Gain fragte sich verschlafen, warum der Matrose ihn nicht geweckt hatte, wenn er ihm im Weg gelegen hatte, aber er hatte kaum Zeit, seine Gedanken zu sammeln, da sagte eine Frauenstimme barsch: "Los, hoch mit dir, Bürschchen. Käpt'n Bogra wartet auf dich."

Gains Vater würde ihn windelweich schlagen, wenn er hören würde, dass Gain sich als "Bürschchen" bezeichnen ließ, aber zum Glück hörte er es hier ja nicht. Gain tastete sich an der Holzwand nach oben und hatte einen Moment Probleme damit, sein Gleichgewicht zu finden. Er brauchte kurz, um zu realisieren, dass es nicht daran lag, dass die "Adagio" zu sehr schwankte, sondern daran, dass sie seit Neuestem nicht mehr schwankte, sondern sich nur noch leicht mit dem Bug voran hob und senkte.

"Ist der Sturm vorbei?" Gain fuhr sich durch die Haare. Im Gegensatz zu den letzten Sonnenaufgängen fühlte er sich wach und ausgeschlafen.

"Nein, Mann", knurrte ein Matrose. Sein braunes Kopftuch saß über einem schmalen, jungen Gesicht mit einem großen Mund. "Oceanne hat uns auf den salzigen Grund geholt und da stürmt es nicht." Er lächelte schelmisch und eine Zahnlücke blitzte auf.

Gain grinste. "Oh", sagte er, "gut, dass ich mein schlechtestes Hemd anhabe, ich habe gehört Oceanne holt sich die Reichen gerne in ihr Bett, und ich weiß nicht, ob ich mit ihren Tentakeln klar käme."

Der junge Matrose lachte laut und schlug Gain auf die Schulter.

"An dir ist ein Matrose verloren gegangen. Viel zu schade für einen Fürstensohn", sagte er und grinste wieder.

"Tja, meine Mutter sagt gelegentlich, ich sei ein hoffnungsloser Fall", Gain lächelte gequält.

"Los jetzt", die Matrosin schubste ihn in Richtung des Ausgangs. "Käpt'n Bogra wartet nicht gerne."

 

Die Tür zur Kapitänskajüte faszinierte Gain. Sie hatte Fenster aus Glas, in das kleine Blasen eingeschlossen waren. Glas gab es auf dem Festland in Garlenien nur äußerst selten. Dieses Schiff war einst einPorgesenschiff gewesen, war also westlich von Vetvangey, der Insel der Zusammenkünfte, wo das Thing der Fürsten derzeit stattfand, gebaut worden, und hatte die dortigen Meere durchkreuzt. Dann hatte der damalige Käpt'n das Pech gehabt, von Käpt'n Bogra geentert zu werden und so geriet die "Adagio" in den Besitz einer Stammeskapitänin der Pratiner.

Natürlich hatten die Dherask angefangen, die Porgesenschiffe zu kopieren und die einmastigen, flach im Wasser liegenden Ruderschiffe der Garlenier wurden bald durch tief liegende Segelschiffe ergänzt. Aber eines konnten sie nicht herstellen: Glas.

Das Glas, das über die Handelswege zu ihnen kam, war unbeschreiblich teuer. Niemand käme auf die Idee, es verschwenderisch in die Kajüte eines Schiffes einzubauen.

Gain straffte die Schultern und fragte sich, ob er nicht doch eines seiner besseren Hemden auf seine Reise hätte mitnehmen sollen, um für Begegnungen wie diese besser gewappnet zu sein. Er hob die Hand und klopfte.

Von drinnen erscholl ein deutliches: "Herein" und Gain öffnete die Tür. Im Gegensatz zu den anderen Räumen des Schiffes war die Kapitänskajüte geräumig, auch wenn auch sie kaum Platz für den Tisch, die Bänke und einen Schrank enthielt.

"Bin ich in Schwierigkeiten, Käpt'n Bogra?", Gain setzte ein Lächeln auf und trat in den Raum.

"Im Gegenteil", Käpt'n Bogra stellte ihren schweren Becher auf dem Tisch ab und wischte sich unfein über den Mund. Ihre Weste spannte sich über ihren Schultern. Käpt'n Bogra war eine kräftige Frau mit rostrotem Haar und einem teigigen Gesicht, das trotz Wind und Wetter nicht braun werden wollte. Stattdessen zogen sich feine rote Äderchen über ihre Wangen. In ihren Augen blitzte es auf. "Verstehst du etwas von Seekarten?", fragte sie. Ihr Blick wanderte kritisch über den abgewetzten Ärmelsaum seines Hemdes. Gain konnte ihr beinahe ansehen, wie sie mit der Frage kämpfte, ob sie es sich leisten konnte, ihn für sein Erscheinen zurechtzuweisen. Hier auf dem Schiff regierte sie. Wer immer es betrat, war für die Zeit seiner Reise ihr Untertan. Aber sie konnte ja nicht wissen, ob sie sich an Land noch einmal wieder begegnen würden, und dann würde sie es vielleicht bereuen, ihn jemals anders als zuvorkommend behandelt zu haben.

"Nein", sagte Gain wahrheitsgemäß.

"Möchtest du etwas darüber lernen?"

"Nein", sagte Gain impulsiv. Dann fügte er rasch an: "Nicht, dass Seekarten nicht eine gewisse Faszination haben, es ist nur so, dass ich nicht vorhabe, je wieder einen Fuß auf ein Schiff zu setzen, wenn ich es vermeiden kann."

Käpt'n Bogra betrachtete ihn mit starrem Blick.

"Also gut." Sie ließ sich auf der Bank hinter dem Tisch nieder, hob die Beine und legte die Füße auf die Tischplatte und sah Gain provozierend an, als wolle sie ihn auffordern, einen Disput über höfliche Sitten mit ihm zu beginnen. Aber Gain konnte in diesem Moment nichts egaler sein als die Frage, ob Stiefel auf einen Tisch gehörten.

Er fragte sich stattdessen, was sie wohl von ihm wollte. Je länger sie ihn betrachtete, desto nervöser wurde er.

"Schade", sagte sie nach einer Weile, "du und ich, wir hätten ein gutes Paar abgegeben, als Käpt'n und erster Offizier."

Gain schwieg, zu sprachlos um zu antworten. Er hatte sich die ganze Fahrt über nicht gerade durch seemännisches Geschick hervorgetan. Das einzige, was ihm vortrefflich gelungen war, war, sich über Bord spülen zu lassen.

Gain deutete eine knappe Verbeugung an.

"Ich bitte um Entschuldigung, Käpt'n, aber ich fürchte meine Nerven und ich sind nicht für die Seefahrt gemacht."

Sie schwang die Beine vom Tisch und musterte ihn mit blanken Augen, in denen urplötzlich eine Mischung aus Abscheu und Frustration loderte.

"Dann wird es dich sicher freuen, dass wir in zwei Tagen den Hafen der Dherask erreichen werden. Und jetzt scher dich raus."

Gain machte, dass er verschwand, so schnell es ging, ohne unhöflich zu sein. Rasch schloss er die Tür von außen wieder. Kurz darauf hörte von innen etwas scheppern, als habe Käpt'n Bogra etwas gegen die Wand geworfen.

Mit ein paar Schritten lief er zur Reling, lehnte die Unterarme darauf und blickte über die graue See. Der Wind fuhr ihm über das Gesicht. Nachdenklich fragte er sich, was diese merkwürdige Audienz zu bedeuten hatte.

Der Matrose mit dem schmalen Gesicht und dem braunen Kopftuch trat neben ihn und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Reling.

"Und?", fragte er neugierig, "was wollte der Drachen?"

"Jedenfalls kein Feuer speien, Miro", sagte Gain, immer noch mit der Frage beschäftigt, warum Käpt'n Bogra ihn als Offizier hatte anheuern wollen.

"Es heißt, sie hat mächtig Ärger mit den Dherask und darf nicht an Land", sagte Miro. "Eigentlich darf sie nicht mal im Hafen ankern." Dann lachte er. "Schon blöd, wenn man ein Schiff besitzt, aber mit dem größten Seehandelsposten in ganz Garlenien im Streit liegt."

Gain sagte nichts, sondern blickte auf die graue See hinaus. Ein paar Delphine tauchten am Bug des Schiffes in das Wasser ein und wieder heraus.

Langsam dämmerte ihm, welchen Spielzug er hier vereitelt hatte. Mit einem Fürstensohn als Offizier hätte Käpt'n Bogra eine ganz andere Verhandlungsposition gegenüber den Dherask bekommen.

"Sie begleiten uns seit dem Sturm", Miro folgte Gains Blick zu den Delphinen. "Vielleicht wollen sie sichergehen, dass wir ankommen." Seine Augen leuchteten auf. Wie alle Seefahrer war er abergläubisch und wie alle Seefahrer glaubte er, Delphine brächten Glück.

"Wenn Käpt'n Bogra sich nicht irrt, sind wir in zwei Tagen da", sagte Gain.

"Wenn sie es sagt, wird's stimmen", sagte Miro, "die Frau ist eine Legende, Mann. Es heißt, sie habe ihre Seele an Oceanne verschrieben. Jedenfalls braucht sie keine Karten und keine Sterne. Sie weiß, wo sie ist und wenn's um sie rum nichts als Wasser gibt."

Gain dachte an die Seekarten auf dem Tisch in der Kapitänskajüte und bezweifelte, dass dieses Gerücht der Wahrheit entsprach. Aber vermutlich schürte Käpt'n Bogra es, wo sie nur konnte. Vertrauen in den Käpt'n brachte Gehorsam und nicht zuletzt große Handelsaufträge.

 

Tatsächlich erscholl am übernächsten Tag der Ruf: "Land in Sicht", als Gain gerade aus der Luke auf das Deck kletterte. Er sah nach oben, um zu schauen, in welche Richtung der Matrose am Ausguck deutete. Es war Ann. Rittlings saß sie auf der Rah, ein Tau um die schmale Taille geknotet. Gain folgte ihrem ausgestreckten Arm mit dem Blick. Der Bug der "Adagio" hob und senkte sich gleichmäßig. Am Klüver vorbei konnte Gain am Horizont einen schmalen Streifen ausmachen, den Ann wohl als Land erkannt hatte. Gain selber hätte es nicht von Wolken unterscheiden können. Er lief an der Reling entlang zum Bug des Schiffes, dort wo das Auf und Ab der Wellen am deutlichsten zu spüren war. Die Delphine waren noch da, aber just in dem Moment, in dem Gain mit ihnen gleichauf war, drehten sie plötzlich ab. Ein grauer Körper rollte sich übermütig im Wasser und klatschte mit der Flosse in die Wellen. Gain lachte über das drollige Schauspiel.

Ann hatte recht. Je näher sie dem grauen Streifen am Horizont kamen, desto deutlicher traten die hohen Klippen hervor. Möwenscharen umkreisten die Felsen in Schwärmen. Am Fuß der Klippen ragten Stege für die Beiboote ins Wasser. Segelschiffe, kleine und große, porgesischer und garlenischer Bauart dümpelten dicht an dicht vor Anker im Hafen. Am Strand unterhalb der hohen Klippen schien reges Treiben zu herrschen.

Schritte wippten auf den Schiffsplanken hinter Gain und kurz darauf tauchte Miro neben ihm auf. Er blickte auf das Treiben im Hafen und seine Augen leuchteten auf.

"Der Tölpelmarkt", sagte er begeistert. "Wir kommen wohl zum richtigen Zeitpunkt."

"Tölpelmarkt?" Gain zog die Augenbrauen nach oben.

Miro lachte. "Es heißt, einer der ersten Händler, der diesen Hafen nutzte, hat bei Ebbe auf dem Watt einen Stand aufgebaut, um den Marktzoll oben in der Stadt zu umgehen. Morgan Dherask der Erste hat daraufhin ausgerufen: "Nur ein Tölpel baut seinen Stand dort auf, wo die See ihn bei Flut verschlucken wird!" Der Händler hat nur mit den Achseln gezuckt und gesagt, er wäre schneller als die Flut. Na ja, und andere haben auch gelernt, schneller als die Flut zu sein. Der Tölpelmarkt findet alle drei Wochen bei Ebbe statt, bis die Flut am Markierungsstab ankommt. Dann packen die Händler ihre Sachen und es ist sozusagen ein Wettbewerb, der Schnellste zu sein. Der langsamste muss einen Taler in die Reparaturkasse für den Aufzug werfen, wenn er nicht das Pech hat, dass die Flut seine Waren ins Meer spült."

"Den Aufzug?" Gain kniff die Augen zusammen, um deutlicher sehen zu können. Gestalten wuselten wie Ameisen über den Strand.

Miro lachte wieder. "Für einen Boten bist du erstaunlich schlecht informiert", sagte er. "Es gibt einen Aufzug, der von Eseln angetrieben wird. Die Leute wären ja verrückt, wenn sie die ganzen Waren die Treppe hoch und runter schleppen würden. Es gibt auch einen für Personen, aber na ja."

Miro lehnte sich über die Reling. "Du kannst dir den vermutlich leisten, unsereins muss halt die Treppe nehmen, wenn wir nach oben wollen."

Von der Treppe hatte Gain tatsächlich gehört. Es hieß, sie habe genau fünfhundert Stufen und sei in den Fels gehauen, so breit, dass zehn Männer nebeneinander darauf laufen könnten.

"Vorbereiten zum Segel reffen und ankern!", brüllte der erste Maat und Miro war so schnell verschwunden, wie er gekommen war.

Die Wellen wurden sanfter, je näher sie der Bucht kamen. Jetzt sah das Meer richtig friedlich aus und Gain wunderte sich über Oceannes launische Natur. Die Ankerkette rasselte. Kurz darauf stoppte die langsame Fahrt des Schiffes mit einem Ruck, der den Rumpf zur Seite krängen ließ, bevor die "Adagio" neben einem kleinen Schoner zum Halt kam.

Gain lief zur Luke, kletterte nach unten und packte seine wenigen Sachen in seinen Beutel. Dann kletterte er die Leiter wieder hinauf und wollte sich in die Schlange der Matrosen einreihen, die auf das zweite Beiboot warteten, aber der erste Maat winkte ihn nach vorne.

"Komm her, Bürschchen", knurrte er, "ich kann dich zwar nicht leiden, aber die Dherask machen Kleinholz aus mir, wenn ich dich warten lasse."

Mit einem entschuldigendem Blick hastete Gain an den Matrosen vorbei und kletterte über die Reling das Fallreep hinunter in das erste Beiboot, das mit den beiden Offizieren, drei höhergestellten Matrosen und, zu Gains Überraschung, auch der Leichtmatrosin Ann nicht gerade überladen war.

 

Während sie auf das Ufer zuruderten, beobachtete Gain amüsiert, wie Ann den näher kommenden Ort mit offenem Mund bestaunte. Weiße Möwen umkreisten kreischend die gigantischen, steil aufragenden Felsen. Der dunkle Stein hob sich gegen den weißen Sand an seinem Fuß ab. Die Aufzüge, von denen Miro gesprochen hatte, hingen wie zwei riesige Fliegen an der Felswand. Der Linke bewegte sich nach oben, das Knarren und Ächzen der Seilzüge war bis hierher zu hören. Ein Esel ließ ein lautes I-aah erschallen.

An den beiden rechten Stegen dümpelten Schiffe mit gerefftem Segel, die hier ihren Heimathafen hatten. Die beiden linken waren für die Beiboote reserviert, die von den vor Anker liegenden Schiffen zum Ufer kamen.

Der Strand hinter den Stegen zog sich viel weiter hin, als Gain es vom Schiff aus vermutet hatte. Auf dem unteren Teil war der Sand nass von der Flut. Kleine leichte Stände drängten sich dort dicht an dicht, die Verkaufsflächen quollen über von Waren.

Ganz vorne bot ein bärtiger Mann seidene Bänder an, die im Wind flatterten, auf dem angrenzenden Stand türmten sich Tuchballen. Die Händlerin hinter den Tuchballen diskutierte lautstark mit ihrer Nachbarin, die Gewürze feilbot. Ein helles Puder war offenbar umgestoßen worden und hatte einen Ballen dunkelgrünes Tuch ruiniert, und beide Frauen schienen gleichermaßen der Meinung zu sein, die andere schulde ihr etwas.

Der Wind trug den Geruch von gebratenem Fisch und würziger Soße herüber. Gains Magen gab ein lautes Knurren von sich, als wolle er ihn daran erinnern, dass er am frühen Morgen zum letzten mal etwas zu sich genommen hatte.

Die Matrosen ließen das Boot sanft an den Steg herangleiten, wo es andockte. Ein schmaler Junge von vielleicht vierzehn Wintern in einem zerschlissenen Hemd fing das Seil auf, das sie ihm zuwarfen und vertäute das Boot. Dann wollte er ihnen an Land helfen, aber die Matrosen knurrten ihn an, und er machte vorsichtshalber einen Satz nach hinten. Die Seefahrer sprangen behände auf den Steg. Gain tat sich etwas schwerer, das Boot wollte unter ihm zur Seite gleiten, während er sprang und er verfehlte beinahe den Steg. Er drehte sich um, um Ann nach draußen zu helfen, aber Ann war dicht hinter ihm schon auf die Holzbohlen gesprungen und sah sich mit großen Augen um.

Die Matrosen und die Offiziere waren so schnell verschwunden, dass Gain mutmaßte, sie hätten sich in Luft aufgelöst. Nur Ann und er standen noch etwas verloren auf dem Steg herum. Anns Lächeln erlosch.

"Es ist Brauch, dass der neueste Crewzuwachs als Erstes mit den Offzieren an Land geht und sie ihn mitnehmen, damit er lernt, sich nicht ausnehmen zu lassen", erklärte sie, als sie Gains fragenden Blick auffing. "Aber es sieht so aus, als müsste ich mich allein durchschlagen." Ein Lächeln stahl sich in ihre Mundwinkel.

Gain seufzte. "Na los", sagte er. "Ich kenn' mich zwar auch nicht mit Häfen aus, aber ich glaube, ich kann einen Gauner von einem Händler unterscheiden."

Gain

2. Der Tölpelmarkt

480 Winter n.T.

garlenische Zeit

Strand von LeeMat

 

Ann folgte ihm auf Schritt und Tritt wie ein Schatten. Gain hätte eigentlich nur etwas essen und sich dann gleich auf den Weg nach oben machen wollen, aber nun fühlte er sich verpflichtet, die kleine Ann möglichst viel von dem Hafen der Dherask sehen zu lassen.

Ann war nicht wieder zu erkennen. Auf dem Schiff war sie immer gereizt und blass gewesen, pausbackig und stumm leidend hatte sie die wogende See über sich ergehen lassen. Kaum hatte sie einen Fuß an Land gesetzt, war sie auf einmal voller Elan und konnte sich gar nicht an allem sattsehen.

Als Erstes wollte sie zu den Aufzügen, und Gain ließ sich gutmütig dorthin schleifen. Eine ganze Weile hatten sie festen, feuchten Sand unter ihren Schritten, auf dem Gains gute Stiefel Abdrücke hinterließen. Ann bohrte ihre bloßen Zehen in den Sand, um zu sehen, wie sich die Löcher mit Wasser füllten. Erst nach einigen Schritt erreichten sie den trockenen Strandabschnitt und das Gehen wurde merklich mühsamer. Der weiche Sand gab unter jedem Schritt nach. Gain hatte das Gefühl, auf einer immer wieder nachgebenden Wolke zu laufen.

Um die Aufzüge war ein hölzerner Zaun gezogen, so dass sie in einiger Entfernung stehen bleiben mussten, aber es war auch so genug zu sehen. Vier Esel waren an ein liegendes Rad gespannt, vier weitere an ein zweites. Die eine Esel-Gruppe bewegte sich bedächtig im Kreis und das Rad drehte sich. Über ein kompliziertes Gewirr aus Seilen und Gewichten wurde die Bewegung auf den linken Aufzug übertragen, der so groß schien, als könne die halbe "Adagio" darin Platz finden. Ann legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den Aufzug mit leuchtenden Augen. Langsam bewegte sich die hölzerne Konstruktion an den steilen Klippen nach oben. Darunter liefen Männer und Frauen hin und her, Befehle wurden gebrüllt, schwere Kisten über Karren auf Schienen hin und hergefahren. Ann stand mit offenem Mund da und hätte sich vermutlich gar nicht mehr von der Stelle gerührt, wenn Gain nicht auf ein vernehmliches Knurren seines Magens hin Ausschau nach einer Mahlzeit gehalten hätte. Er eiste Ann von dem Anblick der Aufzüge los und sie fanden einen Stand mit kleinen gebackenen Broten, gefüllt mit einer würzigen Paste aus Gemüse und Kräutern. Ann bestand darauf, ihr Brot selbst zu bezahlen, obwohl es eigentlich zu teuer für sie war. Der rundliche Verkäufer drückte ihnen die Brote in die Hand, zählte das Geld in eine kleine Holztruhe und wandte sich sofort dem nächsten Kunden zu.

Gain und Ann schlenderten weiter. An dem Stand mit den bunten Bändern standen zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, und befühlten mit schmutzigen Fingern sehnsüchtig ein blaues Seidenband. Der Verkäufer hatte ihnen den Rücken zugedreht. In dem Moment, in dem Gain und Ann den Stand passierten, drehte der Verkäufer sich um und sah die beiden Kinder an dem blauen Band stehen.

"Schert euch weg, ihr vermaledeiten Gören!", er hob eine Hand, als wolle er die Kinder nötigenfalls mit Gewalt vertreiben. "Ihr macht mir meine Waren schmutzig!" Der Junge machte erschrocken einen Satz nach hinten. Das Mädchen sah aus, als wolle sie etwas erwidern, aber der Junge war klüger, zog sie am zerrissenen Ärmel und beide trollten sich zum Meer hinunter.

Gain blieb nachdenklich stehen. Er besah sich das blaue Seidenband, das leicht im Wind wehte. Es glänzte, war aber ansonsten schlicht, es konnte also nicht besonders teuer sein. Gain dachte noch einen Moment nach, dann trat er an den Stand und kaufte zwei Stücke von dem Band.

"Was willst du denn damit?", fragte Ann, als Gain mit den beiden Stücken zu ihr zurückkam. "Ich will dich ja nicht beleidigen, aber das Blau ist viel zu hell für deine Augen."

Erstaunt sah Gain sie an. Dass die kleine Leichtmatrosin sich Gedanken um die passende Farbe für ihn machte, erschien ihm irgendwie absurd.

"Die sind nicht für mich", er zwinkerte ihr zu.

"Ah", Anns Augen leuchteten auf, als sie verstand. Aber dann runzelte sie die Stirn. "Wozu machst du das?", fragte sie.

"Darum. Sieh her", sagte Gain und lief raschen Schrittes los, um die beiden ärmlich gekleideten Kinder einzuholen. Er zwängte sich zwischen feisten Leibern hindurch, roch den Schweißgeruch der Käufer zwischen den Ständen und musste sich durch einen kleinen Tumult bahnen, der sich vor dem Stand eines Wollhändlers gebildet hatte, der lautstark behauptete, bestohlen worden zu sein. Die Kinder waren ein Stück hinunter zum Meer gelaufen und saßen hinter den vielen Ständen auf dem feuchten Sand. Das Mädchen stocherte mit einem Stöckchen im Schlick herum und der Junge versuchte mit wenig Zielsicherheit, Muscheln in eine etwas entfernte Pfütze zu werfen.

Gain trat hinter die beiden und bedeutete Ann mit einem Finger auf den Lippen zu schweigen. Dann nahm er beide Hände nach vorne und ließ die beiden Stücke des blauen Bandes vor den Gesichtern der beiden Kinder baumeln.

Erschrocken sprangen die beiden auf, drehten sich beide im Sprung mit einer etwas drolligen Drehung zu ihm herum und blickten ihn misstrauisch an.

Gain hielt jedem von ihnen ein Stück des blauen Bandes hin.

Eine Weile standen sie schweigend da, nur die Wellen auf dem Sand und die Geräusche des Marktes waren zu hören.

"Soll das für uns sein?", fragte der Junge schließlich.

Das Mädchen warf einen Blick auf das Band. Gain konnte ihr ansehen, wie gerne sie danach gegriffen und es genommen hätte.

"Sie sind für euch", sagte er.

Die Augen des Mädchens leuchteten auf und es wollte nach dem Band greifen, aber Gain zog die Hand noch einmal zurück.

"Es sind zwei Bedingungen daran geknüpft", sagte er.

Die beiden Kinder schauten ihn erwartungsvoll an.

"Erstens: Wenn ihr irgendwann einmal mehr habt als ein anderer und der sich etwas wünscht, dann müsst ihr den Wunsch erfüllen."

Der Junge nickte nachdenklich und das Mädchen eifrig.

"Und ihr müsst euch meinen Namen merken", sagte Gain mit einem Lächeln.

Die Kinder sagten nichts, sondern starrten ihn an.

"Mein Name ist Gain von den Mannalen", sagte er.

Es dauerte einen Moment, bis die Kinder begriffen. Ann konnte ihnen fast beim Denken zusehen. Gain hatte nicht gesagt: "Gain vom Stamm der Mannalen." Er hatte gesagt: "Gain von den Mannalen." Langsam dämmerte auf den Gesichtern der Kinder die Erkenntnis, dass sie jemanden aus der Fürstenfamilie der Mannalen vor sich hatten.

Der Junge wurde blass, das Mädchen knallrot vor Aufregung.

"Wiederholt das", sagte Gain streng.

"Gain von den Mannalen", wiederholte das Mädchen eilfertig und der Junge etwas langsamer.

"Könnt ihr euch das merken?", fragte Gain freundlich.

Die beiden nickten wieder. Gain streckte die Hände aus und hielt beiden das Band hin. Er genoss die eifrige Freude des Mädchens genauso wie das stille Glück des Jungen. Und obwohl es für ihn immer eine politische Entscheidung war, hier und da kleine Wünsche zu erfüllen, musste er sich eingestehen, dass es eigentlich dieser Moment war, dieses Aufleuchten des Glücks in den Augen der Beschenkten, weswegen er es machte.

"Und jetzt verschwindet", sagte Gain gutmütig. Die beiden Kinder fegten davon. Das Mädchen ließ das blaue Band im Wind hinter sich her flattern.

Ann blickte ihnen nach. "Jetzt sag doch, warum machst du das?", fragte sie verwirrt.

"Weil die Armen diejenigen sind, die uns an den Kragen gehen, wenn es ihnen anfängt zu schlecht zu gehen. Schau dir die Ubronen an."

"Die Ubronen gibt es nicht mehr", erwiderte Ann.

"Ganz genau", sagte Gain. "Die Fürsten haben ihren eigenen Stamm ausgenommen bis auf's Blut. Sie brauchten das Geld für ihren Streit mit den Sjuren, die ihr Land besetzen wollten. Die Ubroner mussten sich wehren, weil die Sjuren alle Bauern der Ubronen getötet hätten, wenn sie es geschafft hätten, das Land für sich einzunehmen. Aber die ubroner Bauern wussten nicht, dass das von ihnen abgepresste Geld zu ihrem eigenen Schutz eingesetzt wurde. Alles, was sie wussten, war, dass sie Abgaben und Zölle zahlen mussten, die sie sich nicht leisten konnten, und dass sie ihre Söhne und Töchter im Krieg verloren. Weißt du, was dann passiert ist, Ann?"

"Sie haben sich gegen die Fürsten zusammengetan", sagte Ann.

"Sie haben sich gegen die Fürsten zusammengetan", bestätigte Gain, "und zwar all jene, die vor diesem Krieg schon nichts mehr hatten, und all diejenigen, die durch den Krieg nichts mehr hatten. Die Fürsten waren für sie zu Monstern geworden, also haben sie sie getötet."

Ann gab einen kleinen Schreckenslaut von sich. Einen Fürsten zu töten war in ihren Augen ein genauso schlimmes Vergehen, wie sich gegen die Götter aufzulehnen.

"Dann kamen natürlich die Sjuren und haben die Ubroner Bauern ausgelöscht. Sie wollten das Land mit ihrem Stamm neu besiedeln. Aber gleichzeitig brach im Wriedordelta eine Seuche aus, der die Hälfte ihrer Bevölkerung zum Opfer fiel. Die Sjuren hatten auf einmal nicht mehr genug Bauern, um das Ubronenland zu besiedeln. Es lag viele Jahre lang brach, bevor Sabeta Dherask es für sich eingenommen hat", sagte Gain und fügte nach einer kurzen Denkpause an: "Verstehst du jetzt, warum es gut ist, hier und da unter den Ärmsten der Stämme ein gutes Wort für die Fürsten einzulegen?"

Ann nickte bedächtig. "Die beiden werden es weiter erzählen und dabei deinen Namen nennen", sagte sie. "Weil es etwas Besonderes war." Gain nickte und stellte fest, dass er diese neue, fröhliche Ann und ihren schnellen Verstand gern hatte. Ann dachte eine Weile nach, dann sagte sie: "Aber, die beiden gehören doch nicht zu deinem Stamm."

"Stimmt", sagte Gain, "aber im Falle des Falles kann es auch nicht schaden, freundlich Gesinnte auf der anderen Seite zu haben." Er zwinkerte ihr zu.

Anns Augen wurden groß und rund, aber sie sagte nichts mehr.

Sie standen noch eine Weile am Meer und sahen der einlaufenden Flut zu, bis von den Felsen ein laut schallendes Horn erklang. Gain drehte sich zum Tölpelmarkt um. In Windeseile begannen die Händler ihre Waren einzupacken. Fasziniert schaute Gain zu, wie in geradezu militärischer Präzision die Waren verstaut und weggetragen wurden. Einige Händler schienen sich zusammengetan zu haben, denn sie bauten gemeinsam erst einen und dann die anderen Stände ab. Von überall her kamen plötzlich Helfer angewuselt, und nun verstand Gain, was die beiden Kinder hier zu suchen gehabt hatten. Es schien auf einmal von abgerissenen Kindern, die hier und da mit anpackten und dafür ein Stück Brot oder eine halbe Kupfermünze kassierten, nur so zu wimmeln. Sie trugen die Waren zum trockenen Strand hinauf oder hinunter zu den Booten. In beispiellos kürzester Zeit war der Tölpelmarkt verschwunden. Die Wellen hatten Gain und Ann erreicht und beide schlenderten zurück zum trockenen Strand. Gain war in Gedanken versunken und mit der Frage beschäftigt, wie viele Male der Tölpelmarkt schon von einer Sturmflut überrascht worden war und wie viele Händler dabei ihre Waren an das Meer verloren hatten, und so bekam er nicht mit, wie Ann plötzlich stehen blieb und mit einem unscheinbar aussehenden Mann ins Gespräch kam, der ihr Dreiecke aus Tuch hinhielt und sie begutachten ließ. Erst als Ann nach ihrem Geldbeutel kramte, bemerkte Gain den Fremden und hastete rasch hinüber. Er warf nur einen kurzen Blick auf die Kopftücher und sagte barsch zu Ann: "Lass dein Geld stecken."

Der Mann funkelte Gain aus dunklen Augen böse an, aber Gain ließ sich nicht beeindrucken. "Das ist mindere Ware, Ann." Gain nahm dem Händler eines der Tücher aus der Hand und zeigte es ihr. "Es ist dünn und hat eine unregelmäßige Webstruktur. Das Garn wird reißen. Wenn du es auf See gegen Sonne und Wind verwenden willst, wird es spätestens im Sommer schon zerschlissen sein."

Der Mann warf Gain einen wütenden Blick zu, schien aber zu verstehen, dass er hier nichts mehr ausrichten konnte. Gain reichte ihm das Kopftuch zurück und der Mann trollte sich.

"Tut mir leid, Ann", grinste Gain, "aber wenn du ein Kopftuch willst, kauf es oben in der Stadt. Da ist es teurer, aber es hält länger. Hier unten prüft niemand die Waren, deshalb muss man hier aufpassen, wem man etwas abkauft."

Ann starrte ihn an. "Du bist doch kein Weber", sagte sie und schüttelte den Kopf. Gain lachte. "Nein", sagte er, "aber Handelswaren aller Art sind das Standbein jeden Stammes. Die meisten haben sich spezialisiert und die Mannalen handeln neben dem Erzabbau vor allem mit Tuchen, wie du vielleicht weißt. Ich muss dir allerdings im Vertrauen gestehen, dass ich mich nicht mit allen Waren auskenne. Ich kann zum Beispiel reinen Zimt nicht von mit Tonerde gestrecktem unterscheiden." Er zwinkerte ihr zu und Ann kicherte.

Ann wäre sicher gerne einmal mit dem Aufzug nach oben gefahren, aber sie konnte es sich nicht leisten und außerdem musste sie zurück auf die "Adagio". Und Gain dachte nicht daran, seine Münzen zum Fenster hinaus zu werfen. Er konnte genauso gut die Treppe nehmen, nachdem er Ann wieder bei den Matrosen abgeliefert hatte. Der breite Strandabschnitt leerte sich jetzt schnell. Die Seeleute und Händler kehrten entweder auf ihre vor Anker liegenden Schiffe zurück oder reihten sich bei den Einheimischen ein, die der Treppe zustrebten. Gain und Ann standen unten am Steg und warteten auf die Matrosen der "Adagio", die Ann mit zum Schiff zurücknehmen sollten.

Nach einer kurzen Weile erkannte Gain von weitem das leuchtend rote Kopftuch des ersten Offiziers. "Also dann", sagte Gain, während der erste Offizier heran wankte. Offenbar hatte dieser einen Metstand gefunden und seine ganze Heuer dort gelassen, denn er konnte keinen Schritt mehr vor den anderen setzen, ohne dabei zu torkeln. Gain sah ihm stirnrunzelnd entgegen. Hoffentlich waren ein paar der Matrosen nüchtern, sonst konnte er Ann unmöglich zu ihnen mit ins Boot setzen. Ann blickte zu dem Offizier hinüber und seufzte abgrundtief. Der Wind zerzauste ihr struppiges blondes Haar. Die Wellen schlugen sacht gegen die hölzernen Pfosten des Steges.

"Keine Sorge", sagte Gain, "irgendwer wird nüchtern genug sein, um dich wieder zurückzubringen."

Ann druckste ein wenig herum und murmelte etwas Unverständliches.

"Was hast du gesagt?" fragte Gain und beobachtete kritisch, wie der erste Offizier versuchte, einen Schritt nach vorne zu machen, aber irgendwie das Gleichgewicht verlor und unelegant in den Sand fiel.

"Es ist nur...", begann Ann und brach dann ab.

"Spuck's aus", sagte Gain ungeduldig. "Ich beiße nicht."

Zwei Matrosen der "Adagio" erreichten den ersten Offizier und halfen ihm etwas unbeholfen wieder auf die Beine. Ein paar unverständlich gelallte Wortfetzen wehten zu Gain und Ann herüber.

"Also ich... unter den Matrosen geht das Gerücht, dass du ein Bote bist und den Dherask eine Nachricht überbringen sollst."

Gain wunderte sich nicht über dieses "Gerücht", das der Wahrheit entsprach. Er hatte zwar niemandem den Grund seine Reise genannt, aber die Matrosen hatten natürlich eins und eins zusammengezählt, zumal fast jeder von dem "geheimen" Thing aller amtierenden Fürsten auf Vetvangey zu wissen schien. Nur über den Grund des Zusammentreffens gab es die wildesten Spekulationen, von denen eine unsinniger war als die andere. Gain war ein Fürstensohn, aber selbst er wusste nicht, worum es wirklich ging. Sicher war, dass es sich nicht um das zweijährliche Allthing handelte, bei dem die Gesetze der Stämme angeglichen und diskutiert wurden. Seine Mutter hatte ihm erzählt, es ginge um neue Handelsabkommen, aber Gain glaubte kein Wort davon. Auch das Schriftstück, das er mit sich trug, sprach dagegen. Aber Gain war niemand, der sich in wilden Spekulationen erging. Wenn es irgendetwas gab, das ihn selbst anging, dann würde er es früher oder später schon erfahren.

"Und?", fragte er an Ann gewandt.

"Na ja, ich...ich würde sie so gerne mal sehen."

Gain seufzte. Obwohl Ann es nicht ausgesprochen hatte, ahnte er, wen sie meinte.

Anns Augen glitzerten. "Es heißt, sie habe die Heere der Königin der Ronverjar von der Nemeden- bis zur Taukengrenze das Fürchten gelehrt, bis der Süden nach einem Friedensvertrag gebettelt hat. Ich würde sie so gerne mal sehen, die weiße Kriegerin, bitte, bitte, nimm mich mit."

Gain seufzte wieder und wusste schon, dass er angesichts der hoffnungsvoll leuchtenden Augen des Mädchens nicht Nein würde sagen können. Was das Abschlagen von Bitten anging, war er ein hoffnungsloser Fall.

"Ich hab' gehört, sie benutzt den Speer wie einen dritten Arm", sagte Ann.

"Ich hab' gehört, sie streut gerne Gerüchte, das ist Teil ihrer Politik", erwiderte Gain.

"Stimmt es, dass sie erst siebzehn Winter alt war, als sie die Sjuren und Tangren davon abgehalten hat, das Pratiner Land zu zerstören?", fragte Ann.

"Ich bezweifle, dass die Sjuren und Tangren das Land zerstören wollten, ich denke eher, sie wollten die Pratiner um ihre Bernsteine erleichtern, aber ja, sie war siebzehn", bestätigte Gain.

Sabeta Dherask, die angeblich den Speer zu ihrem dritten Arm gemacht hatte, war eigentlich keine Kriegerin im eigentlichen Sinne, wusste Gain. Sie war eine brillante Strategin und hatte vor acht Jahren, kurz nach der Vereitelung des Sjurenraubzuges in das Pratiner Land, verhindert, dass die Ronverjaren den Wriedor überquerten. Als sie in den damals schon sechs Winter dauernden Krieg eingegriffen hatte, hatte sich das Blatt endlich zugunsten der Stämme gewendet. In drei Wintern hatte Sabeta Dherask geschafft, woran sechzehn untereinander zerstrittene Fürsten sechs Winter lang gescheitert waren und die Heere der Ronverjar-Königin hinter die natürliche Grenze des Wriedor zurückgedrängt und den Friedenskontrakt ausgehandelt, auch Kontrakt der verlorenen Kinder genannt. Die Varender hatten den südlichen Teil ihres Stammesgebietes an die Ronverjar verloren, aber das war ein kleiner Preis für den Frieden.

Der erste Offizier der "Adagio" war, gestützt von den beiden Matrosen, herangewankt. Als sie näher kamen, erkannte Gain, dass es sich bei einem der beiden um Miro handelte, der die Augen zu Gain hin verdrehte und mit dem Kinn auf den besoffenen Offizier zeigte.

Gain unterdrückte ein Lachen. Stattdessen machte er eine winzige angedeutete Verbeugung in Richtung des betrunkenen Offiziers, der versuchte, diese großmütig zu erwidern, dabei aber einen übel riechenden Schwall auf den Boden erbrach, vor dem Gain schnell seine guten Stiefel in Sicherheit brachte.

Der Offizier richtete sich auf, fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund und lallte: "Zu Diensten, Gain von den Mannalen, was ist Euer Begehr?"

Dann erbrach er sich ein zweites Mal auf den weißen Sand. Miros Mundwinkel zuckten verdächtig.

Gain warf einen Blick auf Anns hoffnungsvoll leuchtende Augen. "Ich bitte um die Erlaubnis, eure Leichtmatrosin für eine Weile zu entführen. Sie soll mir mein Gepäck die Treppe hinauftragen."

Anns Lächeln leuchtete in ihrem Gesicht auf und sie streckte sofort die Arme nach Gains Beutel aus, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Gain ließ seine Habe nur ungern los, er hatte die Schriftrolle darin verstaut, aber schließlich ließ er den Riemen über die Schulter gleiten. Ann nahm den Beutel entgegen, presste ihn fest gegen die Brust und blickte den ersten Offizier herausfordernd an.

Der erste Offizier sah Gain eine Weile stumm an, als habe er gar nichts kapiert, aber dann nickte er hoheitsvoll. "Nehmt die Göre mit", sagte er, "aber wir laufen heute Abend wieder aus. Käpt'n Bogra darf hier nicht ankern, sie hat's nur gemacht, weil die Fürsten ihr hoch und heilig versprochen haben, dass sie ein neues Schiff bekommt, falls die Dherask ihr die geliebte "Adagio" abfackeln, wenn sie sie hier sehen. Und wenn die Göre dann nicht da ist und sie hört, dass ich erlaubt habe, dass sie noch bleibt, macht sie mich bei der wunderbaren Stimmung, in der sie sich befindet, seit wir den verhassten Hafen erreicht haben, bestimmt einen Kopf kürzer."

Für einen Betrunkenen konnte der erste Offizier sich erstaunlich gut ausdrücken, fand Gain. Er fragte sich, was Käpt'n Bogra wohl verbrochen haben mochte und weshalb sie fürchten musste, die Dherask würden ihr beim bloßen Auftauchen ihres Schiffes in der Bucht dasselbe abfackeln, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um diese Frage zu erörtern.

Er nickte knapp. "Du hast mein Wort", sagte er. Dann drehte er sich zu Ann um. "Los", sagte er, "die Treppe wird nicht kürzer und wir haben nicht viel Zeit."

 

Die Treppe lag ein gutes Stück links von den Aufzügen. Gain konnte die Menschen, die schon beinahe oben angekommen waren, wie kleine, sich bewegende Tupfen am oberen Ende der Klippen sehen. Außer ihnen kamen nur ein paar Nachzügler verspätet am Fuß der Treppe an. Die Stufen waren einigermaßen regelmäßig in den Fels gehauen und tatsächlich war die gesamte Treppe so breit, dass bequem zehn Menschen nebeneinander hochgehen konnten. Ann bestand darauf, den Beutel weiter zu tragen.

"Er ist zu schwer für dich", sagte Gain ungeduldig, aber Ann warf einen nervösen Blick zur "Adagio".

"Wenn sie sehen, dass ich den nicht trage, muss ich nachher Fragen beantworten", ihre Stimme klang ängstlich. "Und wenn sie rausfinden, dass du mich gar nicht brauchtest, dann krieg ich bestimmt mindestens fünf Hiebe."

"Also gut", sagte Gain, "aber halt ihn bloß gut fest, hörst du?"

Ann nickte eifrig.

Am Fuß der Treppe standen zwei Männer, die aufgeregt miteinander diskutierten. Sie trugen die typischen hellblauen Fischermützen mit den senffarbenen Troddeln an einer Seite. Der ältere der beiden, ein weißbärtiger Mann mit einer Hakennase, hatte ganze vier Troddeln an seinem Hut baumeln, während der Jüngere erst eine einzige besaß, was bedeutete, dass der ältere seit vierzig Wintern zur See fuhr, und der jüngere erst seit höchstens zehn.

Die beiden waren so vertieft, dass sie Gain und Ann gar nicht zu bemerken schienen.

"Ich sage, du sammelst jedes Einzelne davon ein und verbrennst sie. Es ist ein Scherz, kapierst du das endlich? Ein verdammt schlechter Scherz, aber trotzdem eben nichts weiter als das", sagte der Ältere scharf.

"Aber was, wenn sie es doch waren? Sollten wir nicht die Fürsten benachrichtigen?", beharrte der Jüngere.

Der Ältere gab dem Jüngeren einen unsanften Klaps auf den Hinterkopf. "Hat dir eine Möwe ins Hirn geschissen, Junge? Als ob die sich für Hafenklatsch interessieren. Die knüpfen dich auf, wenn du sie wegen so einer Lappalie störst."

"Aber was, wenn..." beharrte der Jüngere trotzig, aber da fiel sein Blick auf Gain und Ann. Er runzelte die Stirn und schwieg.

Der Ältere drehte sich um, lächelte die beiden Neuankömmlinge mit einem schleimigen Lächeln zahnlos an und tippte sich geflissentlich gegen die Mütze.

"Einen wunderschönen guten Tag, werter Herr", sagte er leutselig mit einem Blick auf Gains gute Stiefel, die mit dem Rest seiner Erscheinung nicht so recht zusammenpassten.

"Braucht ihr einen Träger für eure Beute vom Tölpelmarkt?" Er verbeugte sich mit einem berechnenden Grinsen. "Der alte Maurizius ist stets zu Diensten."

"Nein", sagte Ann schnell und presste sich den Beutel gegen die Brust.

"Danke, aber wir kommen zurecht", lehnte Gain etwas höflicher ab. "Aber kannst du mir sagen, wie ich zur Halle der Dherask komme?"

Der alte Maurizius machte einen weiteren eilfertigen Diener. "Vielleicht", sagte er, "vielleicht aber auch nicht."

Gain schnaubte. Er würde ganz sicher dem Alten keine halbe Kupfermünze für diese Information zahlen, auch wenn der Fischer ganz offenbar darauf wartete.

"Danke", sagte Gain kühl, "wir finden es auch so."

Damit drehte er sich um und setzte seinen Fuß auf die erste Stufe der berühmten Dherasker Treppe.

Die Treppenstufen waren genauso dunkel wie der schroffe Fels rings um sie. Rechts und links krallten sich zähe Gewächse in die Ritzen des Felsens, grünes, kurzes Moos und hartes Gras sprossen auf dem unwirtlichen Untergrund. Hier und da sah man kleine lila Blumen zwischen den Ritzen sprießen, deren distelartige Köpfe sich im Wind wiegten. Gain warf einen Blick zurück zur See. Grau lag sie da, die Wellen brachen sich mit einer weißen Krone aus Gischt und rollten dann an den Strand. Ihr gleichmäßiges Rauschen hatte eine beruhigende Wirkung. Der Strandabschnitt mit dem festen, nassen Sand war fast vom Meer verschluckt worden. Auf dem trockenen Abschnitt liefen noch hier und da vereinzelte Händler und Seefahrer hin und her. Die meisten Ruderboote vom Steg waren verschwunden. In der Bucht lagen rund zwei Dutzend Schiffe vor Anker, die sanft auf den Wellen hin und her schaukelten. Auf manchen Decks wuselten die Seeleute wie Ameisen herum, andere waren leer und verlassen. Die Masten schwankten, die gerefften Segel leuchteten weiß und rot zu ihnen herüber. Gain musste sich von diesem Anblick losreißen, drehte sich um und schaute stattdessen auf die schier unendliche Anzahl an Treppenstufen vor ihm. Vielleicht hätte er doch den Aufzug nehmen sollen. Ann war schon die ersten Stufen hinaufgelaufen und drehte sich ungeduldig zu ihm um.

Auf der Hälfte der Treppe mussten sie eine Pause machen. Ann war außer Atem, ihre Pausbacken gerötet und auf Gains Stirn hatten sich Schweißtropfen gebildet. Je weiter sie nach oben kamen, desto schärfer wehte der Wind ihnen ins Gesicht. Ann ließ sich auf einer Stufe nieder und atmete keuchend ein und aus.

"Es geht gleich wieder", versicherte sie schnaufend, "ich werde dich sicher nicht weiter aufhalten."

Aber Gain war selber froh über die Pause. Seine Oberschenkel schmerzten von der ungewohnten Bewegung. Setzen wollte er sich aber lieber nicht. Er war sich halbwegs sicher, nicht wieder aufstehen zu können, wenn er sich jetzt niederließ. Eine Möwe flog kreischend über sie hinweg.

"Was meinst du", sagte Ann nach einer Weile mit glänzenden Augen. "Ist sie so wie man sich erzählt? In meiner Vorstellung ist sie viel größer als andere Menschen." Ann überlegte kurz. "Aber das stimmt vermutlich nicht. Sie stammt ja von den Dherask ab, und die sind eher kleiner als die Leute aus den Bergen... Also müsste sie auch kleiner sein als du, oder?"

Gain schnaubte belustigt. "Wenn du schon wieder reden und Überlegungen über die Größe der weißen Kriegerin anstellen kannst, kannst du sicher auch weiterlaufen", sagte er etwas barscher als beabsichtigt. Er hatte vor, seine verantwortungsvolle Last so schnell wie möglich loszuwerden. Danach konnte er sich endlich auf den Heimweg machen. Es war ein weiter Weg über Land, einmal quer durch ganz Garlenien. Er musste eine Reise von mindestens zwei Mondzyklen hinter sich bringen, bevor er die Berge erreichen würde. Aber Gain schreckte das nicht. Das einzige, was er brauchte, war ein Pferd, aber da der Zwillingsbruder der weißen Kriegerin seine freie Zeit damit verbrachte, Pferde auszubilden, war er sich ziemlich sicher, dass dieser Mangel kein größeres Hindernis war. Sein eigenes hatte Gain zurücklassen müssen, denn sie waren bei Porsings Hall im Süden des Landes über den Seeweg nach Vetvangey aufgebrochen.

"Hast du gar keine Angst in den Bergen?" fragte Ann und richtete sich wieder auf.

"Wieso sollte ich?" Gain fragte sich erstaunt, welche Vorstellungen Ann von den Bergen hatte. Vielleicht stellte sie sich schroffe Felsspalten und gefährliche Lawinen vor.

"Wegen der roten Schatten", sagte Ann und Gain musste über ihr ernstes Gesicht dabei lachen.

"Ann", sagte er nachsichtig, "die roten Schatten sind ein Märchen. Ich kann dir jedenfalls versichern, dass ich, obwohl ich mein ganzes Leben in den Bergen verbracht habe, bisher nicht mal einen roten Mond gesehen habe."

 

Ende der Leseprobe.